• Lilli

Eine kleine Ode an Oud

„Das Agarholz (aus dem Sanskrit aguru), das in den Heiligen Schriften erwähnt wird, stammt von einem großen immergrünen Baum, Aquilaria agallocha, der in Indien, Burma, Südostasien und den Philippinen heimisch ist.


Wie Sandelholz ist es ungewöhnlich: Nur krankes Holz duftet. Normales Agarholz ist geruchslos, nur wenn es von einem Pilz der gruppe Imperfecti befallen wird, bilden sich dunkle, unregelmäßige Flecken voll Oleoresin. Gesundes Agarholz ist leicht, aber pilzkrankes sinkt im Wasser. Der chinesische Name für dieses Material ist ch’en hsiang, sinkender Duft, und der japanische jinko. Dieser Pilzbefall kommt gelegentlich bei jungen, unter zwanzig Jahre alten Bäumen vor; bei Bäumen, die ein halbes Jahrhundert alt oder älter sind, ist er häufiger. Von Zeit zur Zeit wird eine botanische Goldmine entdeckt, wenn das Gewebe unter der Rinde ganz und gar zum kostbaren Agarholz geworden ist.


Aquilaria-Bäume werden 21 Meter hoch. Früher bezahlten Maharadschas enorme Preise für ein Stück dieses harten, sattbraunen Holzes, von dem der winzigste Span, auf ein Räucherbecken gelegt, einen überall hindringenden Wohlgeruch verbreitet. Heute zahlen japanische Industrielle ähnliche Preise; die Japaner sind große Kenner von Weihrauch, und jinko ist der beste.“

Quelle: „Düfte. Die Kulturgeschichte des Parfüms“ von Edwin T. Morris.

Adlerholz oder Agarholz entsteht nur deshalb, weil der Baum auf eine Verletzung mit seinen Abwehrstoffen reagiert. Diese harzähnlichen Stoffe durchtränken das Holz und machen ihn zum teuersten Duftlieferanten der Welt. Das ist ein komplizierter, langwieriger Prozess genauso wie auch die Herstellung des Oud-Öls aus dem Agarholz. Nach der aufwendigen Destillation wird ein Duftöl geboren, das die Parfümgeschichte schrieb und schreibt.


Aquilaria-Bäume stehen unter Naturschutz und sind vom Aussterben bedroht. Ein Wettlauf zwischen dem Aussterben und dem Wiederaufforsten hat schon begonnen. Ein deutsch-indonesisches Wissenschaftlerteam untersucht, wie man die Baumart retten kann, welche Alternativen es gibt und wie die Zukunft aussehen kann. Wissenschaftler vom Forschungszentrum Jülich (u.a. Dr. Claudio Cerboncini) und der indonesischen Universität Mataram entwickeln eine forstwirtschaftliche Methode zur nachhaltigen Produktion. Im Jahr 2019 erschien ein Bericht über die Aquilaria yunnanensis (siehe Bild) aus Vietnam – eine positive Nachricht für die Nachwelt.

Figure 1. Aquilaria yunnanensis S. C. Huang: A. Branch with leaves and inflorescence; B. Fruit; C. Flower; D. Fruits open into 2 valves

In den arabischen Ländern wird Adlerholz seit Jahrtausenden als Parfüm und für Rituale verwendet. Seit kurzem erobert der geheimnisvolle Duft auch die Parfümerien des Westens. Eine begehrenswerte Duftnote, die heutzutage jedem erschwinglich ist. Es gibt unzählige Parfümkreationen für jeden Geschmack: Herren- und Damendüfte, Unisex. Auch die Parfüm-Öle sind in jeglicher Variation im Angebot.

Meine Leidenschaft für Düfte pflege ich schon sehr lange und es ist kein Wunder - ich bin auch vom Oud begeistert. Das gehört zu meinem Favorit unter den Duftstoffen. Danach folgen Weihrauch und Sandelholz.


Die Erfahrungen, die ich in einer relativ kurzen Zeit gesammelt habe, sind überwältigend!


Das echte Oud-Öl ist eine Rarität. Es gibt nur wenige natürlichen Aromen, die so ein komplexes Geruchsspektrum besitzen. Ambra, Moschus und Sandelholz zählen ebenfalls zu den wertvollsten Düften, aber keiner ist so geheimnisvoll, anziehend und spektakulär wie Oud! Das ist eine Legende und viel mehr als nur ein Duft…


Und hier scheitern sich die Geister!

Ein Oud-Tropfen ist ein wenig zäh und gelblich, aber eine unglaubliche Wucht, die man schwer beschreiben kann. Obwohl... für viele ist es nur ein Stallgeruch, man liest das immer wieder. Es ist seltsam, aber ok, diese ungewöhnliche Note, die zuerst auf die Nase trifft, möchte auch irgendwie benannt werden. Es ist immer interessant, was uns der Kopf bei bestimmten Gerüchen präsentiert und wie wir darauf reagieren.


Und so sehe ich die Kamele, die langsam und bedacht das trockene Wüstengras kauen und mich mit ihren sanften Augen anschauen. Das Fell eines Kamels riecht für mich genauso wie ein Oud-Tropfen. Es ist warm und ledrig, ohne Zweifel animalisch. Wenn man die Finger in das Fell steckt, hat man ein unvergleichliches Erlebnis. Zuerst ist es grob, filzig und ein wenig hart, aber dann spüre ich die zarte Weichheit, ja eine Geborgenheit und Etwas, was mich nicht loslassen will...


So ist es auch mit dieser duftenden Kostbarkeit namens Oud. Es entwickelt sich auf der Haut zu einer fantastischen Geschichte, die erzählt werden möchte. Man muss ihr einfach zuhören können. Und wenn man taub ist, dann hört man nur den Stall...


Echte Oud-Öle haben eine ausgeprägte animalische Note, die sie von anderen Düften unterscheidet und hervorhebt. Genau diese Note schreckt viele ab und gilt als Stallgeruch. Sie ist immer als erstes wahrnehmbar. Nach einer Zeit entwickelt sich der Duft je nach Sorte weiter und kann sich vollständig verwandeln! Es gibt Oud-Öle, die grün oder sogar fruchtig riechen. Aber ein Oud bleibt immer ein Oud und behält seinen unwiderstehlichen Charme durch die Duftsprache von einzigartiger Animalik, feinem Leder, holzigen Nuancen und würziger Schärfe.


Und hier sind meine Sinneseindrücke von 6 faszinierenden Oud-Ölen.

Ohne Nummer. Oud Prachin (dunkle Variation) aus Thailand

Mein absoluter Favorit. Zuerst kommt eine typische animalische Oud-Begrüßung. Dann wird es grün, frisch mit einem würzigen Akzent. Nach ca. 1 Std. entfaltet sich dieser Duft zu einem fabelhaften Aroma. Die grüne Färbung gibt den Ton an und bekommt eine dezente pudrige Begleitung von den hauchzarten Blumen. Die Basis mit holzigen, fein ledrigen Nuancen bleibt schön im Hintergrund – ein harmonisches Zusammenspiel. Dieser Duft ist elegant, schwingend, gutgelaunt und fröhlich. Er zeigt sich noch am nächsten Tag. Die Haltbarkeit ist perfekt. Der Duft ist perfekt!


Oud Prachin (helle Variation) aus Thailand (nicht im Bild)

Ein markanter Duft, etwas speziell. Anfangs sehr krautig, laut animalisch, durchdringlich und beinah unfreundlich. Eine disharmonische Wirkung, als ob er sich nicht entscheiden kann, in welche Richtung er sich entwickeln möchte. Mit der Zeit wird dieses Oud stark grün, scharf würzig. Nach ein paar Stunden geht es und ich bereue es nicht. Ein seltsamer Duft, erst laut, dann weg. Zum Schluss hinterlässt er eine ledrige Erinnerung an sich… bedeutungslos.


5. Oud Hindi Suyufi aus Indien

Dieses Oud ist sehr kraftvoll und dominant! Eine Kamelherde, die an mir vorbei zieht. Die animalische Note ist präsent bis zum Schluss, anfangs stark, laut wird sie mit der Zeit ruhiger oder man gewöhnt sich einfach daran. Auch wenn man von der Kamelherde nichts mehr sieht, bleibt sie noch imaginär da. Ein Wahnsinnsduft, der seine eigene Wirkung hat und total anziehend wirkt. So will ich nicht riechen, aber ich will diesen Duft haben! Ich nehme warme, holzige Akzente wahr, viel Leder und Schärfe. Sehr maskulin mit viel Ausdauer und herrschsüchtiger Ausstrahlung!


4. Oud Hindi Super aus Indien

Ist dem großen Suyufi ähnlich, aber viel angenehmer. Auch hier zuerst ein stattliches Kamel, das aber sehr friedlich ist. Nach der aufregenden Begrüßung verschwindet die Wildheit nach und nach. Das ist aber trotzdem ein Oud, das darf man nie vergessen! Der Duft ist etwas herb, hat einen stolzen Charakter und präsentiert sich gerne, ohne die große Aufmerksamkeit auf sich zu reißen. Für mich angenehm stark. Unterton ist deutlich holzig, ehe trocken und hat die weiche animalische Seite. Auf meiner Haut wird er nach einer Weile anschmiegsam.


Oud Trat aus Thailand (nicht im Bild)

Ist ganz anders. Es ist verspielt, fast kokett und für mich ehe weiblich. Die animalische Note tritt schnell in den Hintergrund. Mich wundert der heuartige Eindruck, total ungewöhnlich und von einer Sanftheit geprägt. Deutliche pflanzlichen Noten mit einer angenehmen Würze, ein Hauch von Anis, aber etwas bitter, frisch. Nach einer Stunde setzt sich eine aromatische, milde Note mit Holzcharakter durch. Erinnert mich an das dunkle Prachin. Und zum Schluss bleibt ein traumhafter Schleier auf der Haut – orientalisch, samtweich, leicht pudrig. Dieser Duft ist sehr edel und zart, anpassungsfähig.


3. Oud Cambodi aus Kambodscha

Oho-ho, da rennt mir Etwas entgegen und ich will nur davon laufen! Stark, unausgewogen, penetrant mit fast medizinischer Schärfe. Ne, nicht für meine Nase. Eine Note setzt sich durch, unangenehm animalisch, schwefelartig… keine Ahnung. Ich will das nicht riechen, sorry… Aber der Ausdauer, Mannomann…


Die Erfahrung mit diesen Oud-Ölen hat mich bereichert und auch mein Wissen enorm erweitert! Die Schönheit eines Duftes liegt manchmal im Verborgenen und es ist eine lange Reise, bis man sie für sich entdeckt.

Weiterführende Links:

- Die beste Seite, wo alles über Oud super erklärt ist Weihrauchwelt. Dort kann man außer Weihrauch und Co. auch Oud-Holz und Oud-Öle kaufen.

- "Adlerholz: Wettlauf zwischen Aufforsten und Aussterben" Forschungszentrum Jülich

- In Englisch viel Info über Oud Öle

- auch in Englisch ein Video über die Bäume und Oudgewinnung von Ensar Oud

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